Lyrische Momente mit Anette Esposito
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Der Straßenrocker

 

Jeden Abend sitzt er dort,

in der Kneipe auf dem Hocker.

Vor sich ein Bier, er spricht kein Wort,

der alte Straßenrocker.

 

Die abgewetzte Lederweste

ist ihm schon längst zu klein.

In seine Jeans, auch nicht die beste,

passt er fast nicht mehr rein.

 

Die Haare sind ergraut und licht,

recht dünn der lange Zopf,

Falten zeichnen sein Gesicht.

Er stützt jetzt seinen Kopf,

 

schaut hin zur Tür, sein Blick ist leer,

raucht Billigzigaretten.

Das Atmen fällt ihm hörbar schwer -

Asthma möcht’ ich wetten.

 

Niemand nimmt von ihm Notiz,

dabei ist er bekannt.

Auf seinem roten Harleysitz

fährt er durch Stadt und Land.

 

Er liebt die Freiheit und den Wind,

der seine Sehnsucht stillt.

Es war sein Traum bereits als Kind.

Den hat er sich erfüllt.

 

Die Einsamkeit macht ihm nichts aus,

er kommt alleine klar

und fährt bei Wind und Wetter raus.

Er ist schon sonderbar.

 

Die Leute finden ihn „echt krass“,

wenn er den Motor dreht.

Er leert sein Glas, bezahlt das Nass,

steht schweigend auf und geht.

 

 

 

 

Der brave Sohn

 

Armut herrscht im ganzen Land,

der Vater keine Arbeit fand.

Er würde gern die Not vergessen.

Die Kinder haben nichts zu essen.

Seit Tagen sind die Teller leer.

Der arme Vater grämt sich sehr.

 

Bei einem Mann, den er gut kennt,

hofft er, dass sich Arbeit fänd.

Er soll nun schreiben viel’ Adressen,

um sich nur einmal satt zu essen.

Am Abend fängt der gute Mann

sofort mit seiner Arbeit an.

 

Sehr bald verlässt ihn doch der Mut,

denn Schreiben kann er nicht so gut.

Die Augen fallen ihm schnell zu.

Auch er braucht schließlich etwas Ruh’.

 

Der kleine Sohn, der grad mal zehn,

steht auf, um nach Papa zu sehn.

 

Er kennt des Vaters großen Schmerz

und Traurigkeit erfüllt sein Herz.

Er setzt sich nieder, nimmt die Feder,

schreibt dann die Liste bis zum Ende

und legt sie leis’, ohne Gezeter,

in Vaters müd’ gewordene Hände .

 

Am nächsten Tag, dann in der Schule,

schläft ein der Bub auf seinem Stuhle.

 

So geht es ein paar Tage weiter,

der Vater ist nun froh und heiter,

bis eines Tages, mit Verdruss,

er in die Schule kommen muss.

Der Lehrer bringt dem Vater bei,

ein schlechter Sohn der seine sei.

 

Der Vater geht nach Haus geschwind

und dort erhält ein jedes Kind

vom erstverdienten sauren Lohn

ein Stückchen Brot. Doch seinem Sohn

nimmt er es weg, zur Strafe,

weil er in der Schule schlafe.

Damit ist’s noch nicht genüge,

er bekommt dafür auch Hiebe.

 

Das Herz des Jungen blutet sehr.

Etwas zu sagen fällt ihm schwer.

Doch in der Nacht, am gleichen Ort,

fährt er mit seiner Arbeit fort.

Tränen füllen seine Lider,

schluchzend schreibt die List’ er nieder.

 

Die Tür geht auf, ganz ungewohnt,

steht Mutter, die nicht schlafen konnt’.

Erschrocken blickt sie auf das Kind

und weckt den Vater dann geschwind.

 

Beschämt schaut er auf seinen Sohn.

„Ich hab ja nichts gewusst davon“.

Der Vater, nun gefüllt von Schmerz,

drückt fest den Jungen an sein Herz.

Er stottert nur, spricht ohne Ton:

„Verzeih mir bitte, lieber Sohn!“

 

 

Der Großvater

 

Im Lehnstuhl am Fenster sitzt er allein,

Tag für Tag im Altenheim.

Vor einem Jahr brachten sie ihn hierher,

seine Kinder wollten ihn nicht mehr.

„Du machst zuviel Arbeit, es fehlt uns die Zeit,

im Heim hast du’s besser, es ist ja nicht weit.“

 

Als seine Kinder so zu ihm gesprochen,

sein altes Herz ward ihm gebrochen.

Nun wartet er voll Schmerz und Gram,

weil keiner ihn besuchen kam.

 

Eine Abwechslung, die tags ihm winkt,

ist, wenn jemand sein Essen bringt.

Oder morgens, zum Waschen, so gegen acht,

dann abends, wenn man ihn bettet zur Nacht.

 

Fernseh’n vermisst er gar nicht so sehr

und Zeitung lesen kann er nicht mehr.

Die Augen sind schon seit langem trübe,

er fühlt sich nur unsagbar müde.

Der Gang zur Toilette ist mühsam und schwer,

man stellte ihm einfach einen Stuhl dafür her

 

In der Ecke läutet das Telefon:

„Ein wenig Geduld, ich komme ja schon.“

Aus seiner Hand rutscht eine der Krücken

und bleibt auf dem Boden, er kann sich nicht bücken.

Mutlos lehnt er sich wieder zurück

mit tränenden Augen und traurigem Blick,

 

greift nach dem Löffel, seine Hand heftig zittert,

führt sie zum Mund, doch die Hälft’ er verschüttet.

Er nimmt sein Hörgerät aus dem Ohr

und kommt sich einsam und verlassen vor.

So sitzt er da  und die Zeit vergeht,

seine knöchernen Hände falten sich zum Gebet.

Mit tiefem Seufzen, ganz leise, er spricht:

 

„Lieber Vater im Himmel , verlass’ mich nicht!

Ich bitte dich, oh Herr und mein Gott,

hilf mir doch hier, in meiner Not.

Schließ’ bald meine Augen für immer zu,

dass mein altes Herz finden mög’ Ruh

und lass mich doch bitte, mit fröhlichem Lachen,

erst am jüngsten Tag wieder erwachen.“

 

 

 

Letzter Gedanke

 

Am späten Nachmittag, das Gehen fällt ihr schwer,

auf zwei alten Krücken kommt sie daher.

Das Gesicht voller Falten ,die Augen krank,

setzt sie sich zum Ruhen auf eine Bank.

Das Holz knackt leise unter ihrem Gewicht,

von der Bank im Park ,dort vor dem Gericht.

Ein schmerzvolles Stöhnen dringt aus ihrem Mund.

Sie ist ja schon lange nicht mehr gesund.

„Sie müssen sich schonen, nicht mehr viel wagen“,

gab der Arzt ihr zur Antwort auf ihre Fragen.

Sie lässt sich jetzt sinken, ist nun bereit,

und weiß, ihr bleibt nicht mehr viel Zeit.

Die Krankheit verfolgt sie auf Schritt und Tritt,

das Herz macht auch schon lang’ nicht mehr mit,

das Atmen bereitet ihr große Not,

und hinter jeder Ecke lauert der Tod.

 

Sie schließt die Augen, sucht vergangene Sterne

und ihre Gedanken ziehen weit in die Ferne.

Fast siebzig Jahre ist es schon her,

dass sie ihn verlor, das war sehr schwer.

Sie denkt an ihn, und in ihrem Herzen

bemerkt sie schon wieder diese furchtbaren Schmerzen.

Sein schönes Gesicht konnte sie niemals vergessen,

seine ganze Liebe hatte sie einst besessen.

Doch dann musst’ er fort und zog in den Krieg,

die Briefe blieben aus, selbst nach dem Sieg.

 

Eine Träne, die jetzt ihr Augen benetzt,

wischt sie fort, als sich ein Mann zu ihr setzt.

Sie streift ihn kurz mit scheuem Blick

und denkt an ihren Liebsten zurück.

 

Eine ganze Weile, die Zeit verrinnt,

als plötzlich der Mann zu reden beginnt.

Sie kennt diese Stimme, nun horcht sie auf.

Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf …

Er erwidert den Blick, der auch ihm so vertraut.

Lang’ haben sie sich  in die Augen geschaut.

Freude und Glück sich jetzt in ihr regt

und erwärmt ihr Herz als er den Arm um sie legt.

Sie reden nicht mehr, jedes Wort ist verklungen,

halten sich nur noch ganz eng umschlungen.

 

Sie spürte nichts mehr von der Kälte der Nacht,

der Tod hatte sie wieder zusammengebracht.

Am anderen Morgen fand man sie recht bald,

mit erstarrtem Blick und die Hände kalt.

Ein glückliches Lächeln lag auf ihrem Gesicht -

allein saß sie da, auf der Bank vorm Gericht.

 

 

 

Mein Enkel

 

„Mach ganz schnell auf, Omi“, klang’s an der Tür.

„Stell dir nur vor, ich bleib’ heute bei dir!

Die Mama bald zur Arbeit muss,

und Papa ist schon weg mit dem Bus.“

Da stand er, mein Enkel, und strahlte mich an:

„Omi, ich bin schon ein großer Mann,

darf heut’ ganz lange bei dir bleiben

und mir bei dir die Zeit vertreiben.

Ich legte die Arbeit nieder, die viele,

weil er nun wollte, dass ich mit ihm spiele.

Er rannte durchs Zimmer, der Wirbelwind,

quietschte vor Freude, das glückliche Kind.

Ich setzte mich hin, nahm ihn auf den Schoß,

da sprudelten seine Fragen schon los:

„Sag mir, warum die Kühe nicht schwitzen?

Kann man auf dieser Wolke dort sitzen?

Warum geht denn ein Schiff auf dem Meer nicht unter?

Weshalb fällt ein Flugzeug vom Himmel nicht runter?

Warum kann ich eigentlich nicht fliegen?

Können Gummibärchen auch Kinder kriegen?“

Ich schnappte nach Luft und musste jetzt lachen.

Schon fragte er weiter, nach anderen Sachen:

„Warum werden die Menschen alt?

Warum ist der Schnee so kalt?

Weshalb hat der Hahn das Huhn jetzt gebissen?

Wie viele Federn sind hier in dem Kissen?“

Omi, du weißt es, bist schließlich nicht dumm,

warum läuft die Uhr nicht anders herum?“

 

Ich suchte nach Antwort  auf all seine Fragen:

„Omi, ich weiß, du kannst es mir sagen!“

Er wollt’ es wissen, es war kein Scherz.

Ich lächelte und mir wurd’ warm ums Herz,

als er sein Gesichtchen zu mir drehte

und sanft seine Ärmchen um mich legte.

Er flüsterte mir leise ins Ohr,

sein Stimmchen kam mir müde vor:

„Omi, ich hab dich  so lieb“,

dabei er sich die Äuglein rieb.

Die Zeit verging schnell wie im Flug

und schließlich war es ihm genug.

„Omi, ich will dich nicht länger mehr quälen,

will deine Löcher im Bauch einmal zählen.“

Mit meiner Hilfe kam er bis neun,

legte sich hin und schlief sofort ein.

Ich sah in sein süßes Kindergesicht,

rein wie ein Engel, er rührte sich nicht.

Dann küsste ich ihn, strich ihm übers Haar:

„Was du heut’ noch nicht weißt…

 

vielleicht nächstes Jahr!“

 

 

   

Oma

 

Seit langem ist sie nicht mehr jung,

hat Falten im Gesicht,

doch immer noch der gleiche Schwung

aus ihren Augen spricht.

 

Einst war sie, schon als junge Frau,

begehrt von jedem Mann,

jedoch ich weiß es ganz genau:

nicht jeder zog sie an.

 

Sie lachte gern, war immer schnell

zu Scherzen auch bereit,

mit guter Laune, dickem Fell,

und hasste Zank und Streit.

 

Sie schenkte Lächeln, auch viel Kraft,

und liebte ihre Leute,

hat Tag und Nacht für sie geschafft.

Das macht sie auch noch heute.

 

Ihr Leben war nicht immer leicht,

es gab auch viele Sorgen.

Als der Krieg sie hat’ erreicht,

fürchtete sie das Morgen.

 

Mit ihren Kindern auf der Flucht

wurd’ sie von Not umgeben.

Oft hatte sie der Feind gesucht,

getrachtet nach dem Leben.

 

Sie litt an Hunger, es war kalt,

die Kinder hatten Husten.

Die Stückchen Brot, sie waren alt,

wovon sie essen mussten.

 

Dann kamen sie nach langen Wochen,

an einen sich’ren Ort.

Sie hat nicht oft davon gesprochen

was sie erlebte, dort.

 

Doch stets Humor, Zufriedenheit,

ließ sie im Herzen wohnen,

und kommt für sie die Sterbenszeit,

wird Gott ihr’s sicher lohnen.

 

Lächelnd steht sie dort im Raum,

und ihre Augen strahlen.

Dass sie fast neunzig, glaubt man kaum.

 

- Leben ist viel mehr als Zahlen –

 

 

 

Die Marktfrau

 

Schon morgens um sieben stand sie am Tor,

den Stock in der Hand und mit krummem Rücken.

Sie schaute sehr oft durch den Zaun hervor,

vielleicht um ein Lächeln von jemand zu pflücken.

 

Verwitwet war sie seit zwanzig Jahren,

ihr Mann starb am dritten, schweren Infarkt.

Auch wenn die Zeiten hart für sie waren,

war sie stets gerne im Dorf, auf dem Markt.

 

Verkaufte ihr Obst und Gemüse vom Feld,

das sie mit viel Liebe, Arbeit und Zeit,

im Schweiß ihres Angesichts hatte bestellt,

jahraus, jahrein in Freude und Leid.

 

Sie hat nie gelebt in Reichtum und Glück,

ging schlicht und bescheiden umher.

Als endlich ihr Mann aus dem Krieg kam zurück,

war er ein Krüppel und konnte nicht mehr.

 

Trotz Armut und Schicksal waren sie glücklich,

durch manche Jahre gemeinsam gegangen.

Obwohl sie es fand nicht immer schicklich,

lachte sie gern, ganz unbefangen.

 

Als sie ihn zu Grabe dann tragen musste,

floss ihr keine Träne über’s Gesicht,

doch sie nur alleine im Innern wusste,

dass sicher ihr Herz vor Kummer zerbricht.

 

So hat über manchem Jahr Trauer gehangen.

Seit ein paar Monaten sah man sie kaum.

Doch niemand zeigte jemals Verlangen,

sie zu besuchen in ihrem Raum.

 

Heut’ morgen fand man sie in ihrem Haus,

die Augen geschlossen und kalt ihre Hand.

Man trug sie im Billigsarg einfach hinaus

und gönnte ihr nicht mal ein Totengewand.

 

Sie war wohl gestürzt, vor längerer Zeit,

und hat’ sich gebrochen das Bein,

lag lang in der Küche im dünnen Nachtkleid,

und eisige Kälte zog durch’s Gestein.

 

Die Nachbarn fragten, betroffen der Blick,

„Ach, wie ist das wohl passiert?“

Dann gingen sie wieder zum Alltag zurück,

scherzten und lachten ganz ungeniert.

 

.

 

Der Emigrant

 

Still geht er ans Fenster, die Augen voll Tränen,

der Blick schweift über die große Stadt.

Sein Herz ist gefüllt von leisem Sehnen,

das er aus der Heimat mitgebracht hat.

 

Das bunte Treiben in Großstadtkulissen

lässt ihn doch irgendwie sonderbar kalt.

Er wird sein Dörfchen immer vermissen,

das Meer mit dem Strand und den Pinienwald.

 

Als Emigrant kam er vor langer Zeit,

um Arbeit zu finden im fremden Land.

Er schuftete hart, war zu allem bereit

und lernte hinzu, was er nicht gekannt.

 

Heut sitzt er im Sessel aus feinem Leder,

hat vielen Menschen Arbeit gegeben.

„Ein guter Chef“, sagt von ihm jeder,

doch ist er nicht glücklich in seinem Leben.

 

Er möchte nach Hause, fern in den Süden,

weil das Leben dort ein anderes ist.

Er sehnt sich zurück nach Oleanderblüten,

deren Duft er wohl niemals vergisst,

 

auch nach dem kleinen Pinienwald,

der gleich hinter dem Strand beginnt,

dem Meeresrauschen, das im Winde verhallt

und heißem Sand, der durch die Finger rinnt.

 

Den Geruch vom Meer hat er noch in der Nase,

weiß auch genau wie die Heimat schmeckt,

denkt oft wehmütig an die kleine Gasse,

wo Peppino immer noch Pizza bäckt.

 

Nein, diese Kulisse, die er hier sieht,

hat nichts gemein mit den Lebensfreuden,

die in jedem alten volkstümlichen Lied

besungen werden von seinen Leuten.

 

Nun wischt er die Tränen heimlich weg,

die seine brennenden Augen trüben,

steht noch genau auf dem gleichen Fleck…

Er wird seine Heimat immer lieben.

 

 

Lass mich leben

 

Fast unbemerkt und winzig klein

lieg ich verborgen hier.

Noch sehe ich kein’ Sonnenschein,

doch leb ich schon in dir.

 

Mein Herzchen schlägt seit Tagen schon

ganz kräftig vor sich hin.

Es dringt bisher zwar noch kein Ton

zu mir, dort wo ich bin,

 

doch kannst du mich bereits erkennen,

weißt was wird aus mir,

Ich möchte mich von dir nicht trennen,

bin ein Stück von dir.

 

Ein wenig wachsen muss ich noch,

damit du mich kannst spüren.

In kurzer Zeit werd ich jedoch

mein Tänzchen hier aufführen.

 

Sogar zwei Beinchen bilden sich,

und winz’ge Arme auch.

Freust du dich denn nicht auf mich

hier in deinem Bauch?

 

Schau meine Augen, mein Gesicht,

bald kannst du mich auch fassen.

Warum nur willst du mich denn nicht,

mir nicht mein Leben lassen?

 

Ich kann schließlich nichts dafür,

dass ich am Leben bin

und dass ich wachsen werd’ in dir.

Gibt das dir keinen Sinn?

 

Lass mich leben, bitt ich dich.

Was hab’ ich dir getan?

Lebensende schon für mich?

Es fängt doch grad erst an.

 

 

 

Die Witwe

 

Im pechschwarzen Mantel, das Haupt leicht gesenkt,

die schleppenden Schritte zum Hügel gelenkt.

Mit bebendem Herzen und seufzendem Ach

verharrt sie ein wenig, denkt schweigend nach.

 

Im trostlosen Dasein, seit er von ihr ging,

ein düsteres Wolkenfeld über ihr hing.

Die Sonne verschloss ihre eiserne Tür.

Nun ist sie ganz sicher, er sehnt sich nach ihr.

 

Die Augen verquollen, vom Weinen blutrot,

erblickt sie am Grab ihres Mannes den Tod.

Schon lang sitzt er dort und erwartet sie bald.

Triumph in der dunklen und kalten Gestalt.

 

Gebückt geht sie nun auf den Sensemann zu.

In ihr der Wunsch nach vollkommener Ruh.

Ermüdet im Herzen, das einsam sich quält.

Geflossene Tränen hat nie sie gezählt.

 

Jetzt steht sie am Grabe, die Hand ausgestreckt.

Sie schaut auf den Liebsten, den Erde bedeckt.

Dann bricht sie zusammen im abendlich’ Rot

und mit ihr die Liebe, sie raubte der Tod.

 

 

Die Zigeunerin

 

Zusammengekauert am Straßenrand,

in Lumpen gekleidet, gestreckt ihre Hand,

ein schreiendes Baby auf ihrem Schoß.

Sie wiegt es ganz sanft, der Hunger ist groß.

 

Pechschwarze Augen schauen umher,

der Topf auf der Erde ist schmutzig und leer.

Traurigkeit steht in ihrem Gesicht,

von Armut und Sorgen schweigend es spricht.

 

Ein kleines Mädchen von ungefähr acht

hat dicht neben ihr ein Lager gemacht.

Die Beine der Kleinen, nur Knochen und Haut.

Mit ängstlichen Blicken ins Leere sie schaut.

 

Die Menschen, in Hektik, eilen geschwind

vorbei an den Armen, die lästig nur sind.

„Was kümmern uns diese Gestalten am Rand

von fragwürdig’ Herkunft und niederem Stand?

 

Was geht es uns an, dies’ Bettlergesind’?

Macht euch hier weg, aber geschwind!

Wo sind nur die Ordnungshüter der Stadt?“

Mit schmerzvollem Seufzen erhebt sie sich matt.

 

Ich geh’ auf sie zu, bleib vor ihr jetzt stehn,

bin nicht wie die andern, die schnell weiter gehn.

Mit freundlichem Lächeln steck ich meine Hand

mit einem Geldstück ins Bettlergewand.

 

Sie schaut mich kurz an. Glaubt sie es nicht?

Ein schüchternes Lächeln erhellt ihr Gesicht.

Nun rollt eine Träne aus Freude und Schmerz.

Sacht legt sie die schmudd’lige Hand auf mein Herz,

 

spricht zu mir leise, ich kann’s kaum verstehn:

„Ich habe nichts mehr, muss betteln jetzt gehn.

Der Wagen fing Feuer durch menschliche Hand.

Mein Mann kam ums Leben beim schrecklichen Brand.

 

Hab Dank für dies’ kleine Almosen hier.

Gott wird dich schützen, ich bitte dafür.

Er sorgt doch für uns, wo immer wir sind

und liebt auch ein armes Zigeunerkind.“

 

Dann nimmt sie die Kleinen, geht stillschweigend fort

und lässt mich nachdenklich stehn an dem Ort.

 

 

Zu spät

 

Er lebt jetzt hinter Gittern

der Strafvollzugsanstalt.

Die Angst lässt ihn erzittern,

er beugt sich der Gewalt.

 

Einst ließ er Fäuste schwingen,

sein Argument war hart

und an verkehrten Dingen,

hat niemals er gespart.

 

Beraubte viele Leute,

war auch zum Mord bereit.

Für ihn war Diebesbeute

stets eine Kleinigkeit.

 

Dann hat er sich vergangen,

an einem kleinen Herz.

Er hielt es lang gefangen

und qualvoll war der Schmerz.

 

Zuletzt ließ er es liegen,

es hat nichts mehr gespürt.

Der Wald hat nicht geschwiegen,

man hat ihn überführt.

 

Nun ist er eingemauert

im Hass, den er gesät.

Auch wenn er jetzt bedauert,

die Reue kommt zu spät.

 

 

 

 

Nur ein Veilchen

 

Als heut‘ ich spazierte am Morgen,

erblickt‘ ich ein Veilchen am Rand.

Es war zwischen Dornen verborgen,

man sah kaum sein blaues Gewand.

 

Ganz scheu stand’s, als würd‘ sich‘s verstecken

und duckte sein Köpfchen geschwind,

als wollt‘ es sich schützend bedecken

vorm frischen und pfeifenden Wind.

 

Gedanken entfloh‘n in die Ferne,

als Mutter zu Hause noch war.

Sie mochte die Blumen so gerne,

die Veilchen am liebsten sogar.

 

Ich blieb vor dem Blümchen kurz stehen.

Wie schön war’s und zierlich gebaut.

Doch als ich schon weiter wollt‘ gehen,

da hat’s zu mir rüber geschaut.

 

Es schien so, als wollt es was sagen.

Ich schaute es neugierig an.

Noch eh‘ ich gedacht‘ es zu fragen,

fing‘s zögernd zu sprechen gleich an.

 

Ich bückte nun rasch mich hinunter.

´s sprach leise, doch konnt‘ ich’s verstehn.

Der Morgenwind, eben noch munter,

hielt an jetzt sein kräftiges Weh‘n.

 

„Du Menschenkind, merk auf die Worte,

die zu dir die Mutter einst sprach.

Sie weilt nicht mehr hier an dem Orte,

ruht lang schon im Erdengemach.

 

Sie bat dich den Schöpfer zu lieben,

der dir und mir Leben geschenkt

und so steht‘s im Buche geschrieben:

Er ist’s, der den Weltenlauf  lenkt.“

 

Im nächsten Moment stand es schweigend.

Ich fühlte nun seltsamen Schmerz.

Sein Köpfchen zur Erde sich neigend,

sprach‘s weiter, bewegte mein Herz.

 

„Sie hat dich stets sorgsam geleitet

mit Liebe, viel Kraft, ohne Ruh.

Oft hast du ihr Kummer bereitet,

warst störrisch und böse dazu.“

 

Ich kämpfte mit Scham, die mich quälte,

mit bohrendem Schmerz in der Brust.

Wie sehr meine Mutter mir fehlte,

war lang mir im Herzen bewusst.

 

„Sie bat nie darum ihr zu danken“,

so fügte das Veilchen hinzu,

„der liebenden Mutter Gedanken

erlangen im Tode erst Ruh.

 

Umgeben von Mühen und Sorgen,

erlitt sie manch schlaflose Nacht.

Doch lachte sie immer am Morgen,

wenn sie dir das Frühstück gemacht.

 

Auch war sie des Öfteren  müde

und manchmal vergrämt ihr Gesicht.

Wie brannte ihr Herz voller Güte.

Warum, sag mir, sahst du das nicht?“

 

Mich trafen die Worte wie Pfeile.

Das Veilchen stand still wieder da.

Ich war wie gebannt eine Weile,

mir waren die Tränen jetzt nah.

 

Ich sah, wie die Blüte sich reckte

und Perlen in funkelndem Nass.

Sie glänzten wie Tau, der bedeckte

früh morgens das durstige Gras.

 

Jetzt spürt‘ ich den Wind wieder wehen.

Das Blümchen erzitterte sacht.

Ich konnt‘ es jetzt nicht mehr verstehen.

In  mir war ein Sehnen erwacht.

 

Schon lief ich mit eilenden Schritten

zum Grab meiner Mutter geschwind.

Ich wollt‘ um Verzeihung sie bitten,

dass nie ihr gedankt ich als Kind.

 

Bald stand ich vorm steinernen Rahmen,

Verzweiflung ergriff meine Hand,

und las unter Tränen den Namen,

der dort auf dem Marmorstein stand.

 

„Ach Mutter, so hör doch mein Klagen!

Ich bitt dich, vergib deinem Kind.“

Ich hatte so viel ihr zu sagen.

Die Worte verwehte der Wind.

 

 

 

Der müde Wanderer

 

Es geht am Wegesaume

ein alter Wandersmann

und unter einem Baume

hält seinen Schritt er an.

 

Ermattet von der Reise,

ganz faltig sein Gesicht,

lauscht er nach einer Weise,

die von der Heimat spricht.

 

Er ging auf vielen Wegen

und irrte oft umher

bei Sonnenschein und Regen.

Nun fällt ihm’s Wandern schwer.

 

Nahm oftmals große Hürden,

beschritt manch morschen Steg

und trug so viele Bürden,

auf seinem Lebensweg.

 

Die Zeit hat ihn getrieben.

Im Frühling schritt er leicht.

Als Sommer wurd‘ geschrieben,

war auch sein Glück erreicht.

 

Des Lebens Herbsteswende

liegt auch schon lang zurück

und bis zum Wegesende

fehlt noch ein kleines Stück.

 

Jetzt setzt er sich danieder

für eine kurze Rast,

bevor er wandert wieder,

am Abend, ohne Hast.

 

Nur kurz möcht‘ er verweilen,

ein wenig ruhen aus

auf seinem Weg, dem steilen,

der bald ihn führt nach Haus.

 

Er senkt die müden Lider,

Erinn‘rung holt ihn ein.

Da klingt die Weise wieder:

„Bald wirst‘ zu Hause sein“.

 

Schon spürt er in den Venen,

dass ihn die Kraft verlässt.

Doch drängt ihn jenes Sehnen:

Will gehen noch den Rest.

 

Ein Seufzen  klingt im Winde,

die Bäume rauschen sacht.

„Ach, müdes Menschenkinde,

dein Ziel wird dir gebracht.“

 

Da sieht er in der Ferne

das off‘ne Tor zur Ruh.

Es glänzt wie gold’ne Sterne,

kommt leuchtend auf ihn zu.

 

Gleich springt er auf die Beine,

wirft weg den Wanderstab.

Ihm weichen selbst die Steine.

Leis‘ sinkt die Nacht herab.

 

Der Wandrer steht im Lichte.

Es war die Reise wert.

Verklärt scheint sein Gesichte.

Nun ist er heimgekehrt.

 

 



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